Paradiesvögel aus Bad Gandersheim
Restaurierung von Stoffen schreitet voran

Ein Glanzstück der Ausstellung Portal zur Geschichte im neuen Ausstellungsbereich wird derzeit von Spezialistinnen der „Paramentenwerkstatt der von Veltheim-Stiftung und Textil- Restaurierung beim Kloster St. Marienberg, Helmstedt“ restauriert.

Der aus dem Barock stammende Seidenstoff besticht durch seine phantasievollen Darstellungen in leuchtenden Farben. Auf der weißen Seide entdeckt man bunte Schmetterlinge, detail- getreue Vögel, bizarre Pflanzen und Insekten. Diese Applikationen bestehen aus zum Teil sehr kostbaren unterschiedlichen Brokat- oder Damastgeweben und anderen seidenen Geweben. Der paradiesisch anmutende Stoff, der einst den Hauptaltar der Stiftskirche schmückte, gehört zu den Schätzen, die man 1997 bei der Renovierung in der Stiftskirche fand. Der Stoff wurde, neben anderen Ausstellungsstücken auf dem Dachboden entdeckt. Dort hat er nicht nur unter dem Schmutz gelitten, an vielen Stellen zeigten sich schon Auflösungserscheinungen und die bunten Applikationen waren durch Knickstellen in Mitleidenschaft gezogen worden oder fielen ab. Sein angegriffener Zustand machte eine gründliche Restaurierung unumgänglich.

Zuständig für die sachgerechte Restaurierung ist die Paramentenwerkstatt in Helmstedt. Besonders wichtig bei der Restaurierung war eine genaue Dokumentation des Gewebes und der verschiedenen Arbeitsschritte. Der Stoff wurde dabei in der Gänze und jede einzelne Applikation für sich fotografisch und schriftlich festgehalten. Den einzelnen Bildern, Zeichnungen und letztendlich den dazugehörigen Stoffstücken wurden Nummern gegeben, sodass die einzelnen Stücke mit größtmöglicher Sorgfalt geordnet und der richtigen Stelle zugewiesen werden konnten. Am Anfang des Restaurierungsprozesses stand die sogenannte Nass-Echtheitsprobe, bei der festgestellt wird, wie viel Feuchtigkeit der Stoff verträgt und dass die Farben nicht auslaufen.

In weiteren Arbeitsschritten wurde der Stoff vorgereinigt und die Applikationen, deren Befestigung auf dem Stoff oft schon sehr spröde war, vorsichtig abgenommen. Auch hier erfolgte wieder eine genaue Dokumentation der einzelnen Stücke, bevor diese mechanisch gereinigt, geglättet und sicher verwahrt wurden. Die Restauratorinnen fanden dabei heraus, dass die farbenfrohen Motive wohl mit einer Art Reiskleister und später anderen wasserlöslichen Kleistern auf der weißen Atlasseide befestigt waren. Die Ränder waren dabei zur Sicherung vor Ausfransung mit dünnem schwarz gefärbten Papierstreifen abgedeckt worden. Anschließend waren schwarze Konturfäden aus Seide darauf genäht worden. Durch das Abtrennen der Applikationen wurden auch Insektenschäden am Stoff unter den Motiven festgestellt. Larven und Insekten sind wahrscheinlich durch den nahrhaften Kleister angelockt worden und haben so Schäden am Stoff verursacht. Die Applikationen selbst wurden hingegen kaum durch die Insekten in Mitleidenschaft gezogen, da bei diesen viel mit Silberlahnfäden oder Vergoldung gearbeitet wurde, welche die organischen Stoffe schützten. In den nun noch folgenden Arbeitsschritten werden die einzelnen Gewebeteile noch gereinigt und geglättet. Dies geschieht in mehreren Arbeitsschritten mit Hilfe von Kompressen, die Schmutz aus dem Gewebe entfernen und ihn dabei glätten. Am Ende müssen die Applikationen mit sehr feine Seidenfäden in über 50 Farbtönen wieder auf dem Stoff fixiert werden. Die vielen Farbtöne sind notwendig, da jedes Applikationsgewebe andere Muster und Strukturen hat.

Der Stoff mit dem wundersamem Tier- und Pflanzenparadies wird – neben anderen Stoffen aus dem Mittelalter und Barock – in der Ausstellung in dem abgedunkelten Kirchenraum zum Leuchten gebracht werden. Damit wird zugleich das Prachtvolle und Feierliche der Messbehänge unterstrichen. Die Exotik des Paradiesstoffes wird dem Besucher durch eingespielte Vogel- stimmen deutlich gemacht, die den besonderen Charme des Stoffes hervorheben.

Neben den prachtvollen Stoffen stehen die „starken Frauen von Gandersheim“ im Mittelpunkt der Ausstellung. Der Bogen wird hier vom Mittelalter bis in die heutige Zeit geschlagen. Durch die ottonische Kaiserin byzantinischer Abstammung und Förderin Gandersheims Theophanu gelangte die prachtvolle byzantinische Mode in das ottonische Reich. Teile solcher 1000jähriger Stoffe lassen sich auch in der Ausstellung bewundern. Die vorhandenen Exponate machen es möglich, einzelne Facetten des Lebens im Frauenstift, der Machtausübung durch Frauen und ihre Bedeutung für die „Geschichte“ und die ottonische Kunst und Kultur zu erfassen. Anhand der „starken Frauen“ lässt sich auch die Verbindung Gandersheims zur Reichs- und Regionalgeschichte vom Mittelalter bis in die Neuzeit nachzeichnen.
Die abwechslungsreiche Ausstellung um die Kulturlandschaft Gandersheim ist den Besuchern ab dem 21.05.07 zugänglich.

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