| »Ihr
wißt, ihr seid nicht mit vergänglichen Werten, mit
Gold und Silber losgekauft, sondern mit dem kostbaren Blut Jesu
Christi, des
Lammes ohne Fehl und Makel« (1. Petrus 1,18f) Bergkristallflakon mit Hl. Blut-Reliquie |
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Ein Tropfen Blut von Jesus Christus soll sich in dem 11,2 cm großen Bergkristallflakon befinden, der nun einen der Höhe- punkte in der ehemaligen Schatzkammer der Gandersheimer Stiftskirche darstellt. Tropfen vom Blut Christi zählen zu den kostbarsten Reliquien der Christenheit, denn Körperreliquien von Jesus Christus sind auf Grund seiner leiblichen Auferstehung selbstredend nicht erhalten. So musste man auf Berührungsreliquien zurückgreifen oder auf das Blut, das der Legende nach von Joseph von Arimathia in einem Kelch aufgefangen worden war. Wie kostbar und wertvoll die Hl. Blut-Reliquien waren, zeigt sich auch gerade an den Legenden, die sich dann um diesen Heiligen Gral bildeten. Keine so legendäre, aber dafür nicht minder wechselhafte Geschichte hat dafür der Bergkristallflakon aus dem Ganders- heimer Stiftsschatz zu bieten. Entstanden ist er um das Jahr 1000 in Ägypten. Seine ursprüngliche Verwendung ist nicht gesichert. Von dort kam er vielleicht als Kriegsbeute oder als Geschenk oder Handelsware in den Westen und schließlich ins Reichsstift Gandersheim. Nach der Reimchronik des Priesters Eberhard von 1216 geschah dies sogar durch einen Diebstahl. Liutgard, eine Tochter des Stifterehepaars Liudolf und Oda, stahl die Reliquie ihrem Ehemann, dem ostfränkischen König Ludwig d. Jüngeren († 882) und schickte sie ohne sein Wissen nach Gandersheim. Ludwig bemerkte den Diebstahl erst, als die Reliquie schon in Gandersheim angekommen war und er erkannte, dass es Gottes Wille gewesen war, daß dies so geschehen konnte. So gab er seine Zustimmung und beschenkte das Stift zusätzlich noch mit Land. Ob diese Geschichte so geschehen ist, ist nicht nachprüfbar, aber trotzdem macht sie zwei Dinge deutlich. Erstens belegt sie, wie überhaupt Reliquien in das Reichsstift gelangt sind. Nämlich indem sie von anderen weltlichen und geistlichen Würdenträgern an das Stift geschenkt wurden. Zum anderen aber wird deutlich, wie auch spätere Generationen aus der Familie der Stifter für das Stift sorgten und es weiter durch Schenkungen aufwerteten. Die Hl.-Blut-Reliquie war eine der wichtigsten Reliquien, die das Stift besaß. Dies wird zum Beispiel auch daran deutlich, dass sie nicht verkauft wurde. So zählt nämlich das überlieferte Schatz- verzeichnis aus dem 12. Jahrhundert mehrere Bergkristall- flakons auf, von denen aber eben nur noch dieser eine erhalten geblieben ist. Nicht erhalten, sondern ebenso wie vieles andere aus dem Stiftsschatz verkauft, wurde die anzunehmende goldene oder silberne Fassung, in der der Flakon aufbewahrt oder präsentiert wurde. Diente damit das Gold und Silber zur Instandhaltung der Abteigebäude, so wurde die Reliquie an sich bewahrt, ihre Bedeutung jedoch langsam vergessen. So entdeckte
1858 der Kantor der Stiftskirche Georg Ludwig Brackebusch an
unbekanntem Ort
ein "nach Zweck und
Bestimmung noch nicht
erkundetes Ding" und begann es ausführlich zu
beschreiben. Er öffnete den
Flakon und entdeckte darin "ein
rothes
mit einigen Blutflecken besudeltes, seidenes Beutelchen und in diesem
braunrother Staub oder getrocknetes Blut, sowie ein zusammengewickeltes
weißes
Stückchen Zeuch, umwunden mit mehren rothen Fäden und
einem Pergament- streifen
mit der rothen gotischen Minuskel-Inschrift: ‚De sanguine
domine’." Die
beigefügte Authentik machte damit klar, dass es sich bei dem
Fläschchen um eine
Heilig-Blut-Reliquie handelte. Durch spätere Veröffentlichungen der Quellen zur Ganders- heimer Stiftsgeschichte erregte auch der Bergkristallflakon erstmals wissenschaftliches Interesse. Doch da solche Gefäße vor allem für mehr profane, aber dafür nicht weniger luxuriöse Dinge genutzt wurden, versuchte Hans Wentzel in einem Aufsatz 1971 diesen und noch andere erhaltene Flakons mit dem Brautschatz der Theophanu in Verbindung zu bringen. Als Parfümfläschchen und Aufbewahrungsort für andere kostbare Salben und Stoffe wurden solche und ähnliche Gefäße ursprünglich genutzt. So ging Wentzel davon aus, dass Theophanu ihre Toilette in Form solcher Flakons mit in das Abendland gebracht habe. Über ihre Verbindung zum Stift und vor allem über ihre Tochter Sophia, die ja Äbtissin im Stift war, hätte dann der Flakon nach Gandersheim kommen können. Vielleicht gelangte die Gandersheimer Blutreliquie aber auch mit Pilgern oder in Folge der Kreuzzüge mit ins Abendland. Denn neuere Forschungsergebnisse zeigten auch, dass es möglich war, direkt im Heiligen Land Reliquien in solchen Bergkristall- flakons zu erwerben, die mit zurück in die Heimat mitgebracht wurden. Wie auch immer der Bergkristallflakon nach Gandersheim gekommen sein mag, heute liegt er gebettet auf rotem Samt wieder in der Schatzkammer der Stiftkirche und erzählt von der wechselhaften Geschichte des Reichsstiftes Gandersheim. Tanja Roth [zurück] |
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