| Eine
Ikone deutscher Dichtkunst Roswitha von Gandersheim (* um 935, + um 975) |
|||||
| Vor
mehr als 1000 Jahren lebte in Bad Gandersheim die Frau, die als erste
nachantike Dichterin in die Geschichte eingegangen ist: Die Kanonisse
Roswitha oder Hrotsvith. Weder ihre genauen Lebensdaten noch ihre
Herkunft sind gesichert
überliefert. Man nimmt an, dass sie einem sächsischen
Adelsgeschlecht entstammt und um das Jahr 935 geboren wurde. Bereits
früh fand sie im Kloster Aufnahme, wo sie ab 960 ihre
Dichtungen
niederschrieb. Neben den für ihren Stand naheliegenden
Heiligenlegenden und den
an Keuschheit gemahnenden Dramen, die sich dem Sieg der Reinheit
über die Verführung widmen, schrieb sie zwei
historische
Epen. Ungewöhnlich für ihr Geschlecht, widmete sie
sich somit
dem Studium der Geschichte und verfolgte interessiert die Geschehnisse
in ihrer Zeit und Umgebung. Mit dem Gedichtwerk über die Taten
Ottos I. des Großen (935
- 973) sollte der Herrscher für Gandersheim gewonnen werden.
Das
ottonische Kaiserhaus hatte sich bislang vor allem für die
Grablege Heinrichs I. im Frauenstift Quedlinburg engagiert.
Gandersheim, die Stiftung des ottonischen Stammvaters Liudolf, fand
wenig Beachtung. Otto I., der Onkel der Gandersheimer Äbtissin
Gerberga II., ist nie in Gandersheim gewesen. Unter seinen Nachfolgern
Otto II. und Otto III. verbesserte sich das Verhältnis
deutlich
– wohl auch aufgrund von Roswithas Lobgedicht. Daneben blieb
ein
Epos über die Geschichte des Klosters
Gandersheim erhalten, der die Ereignisse bis 919 festhält.
Gleichermaßen bedeutend sind ihre sechs (Lese-)Dramen, die
ein
christliches Gegenstück zu den Komödien des Terenz *)
bilden
sollten und mit lebendigem Dialog und wirkungsvoller Szenenfolge als
Versuche christlichen Schauspiels im Mittelalter allein dastehen. Geprägt ist ihre Arbeit von einer großen Offenheit allen Themen gegenüber, die einer Kanonissin vielleicht nicht ohne weiteres zugetraut werden. Geschichte, Kampf und Böses, von anschaulichen erotischen Motiven ganz zu schweigen, von denen Roswitha selbst sagte: „Freilich ergriff mich oft Scheu vor meiner Arbeit, brennendes Rot übergoss mein Gesicht, denn ich musste im Geiste gestalten und mit dem Griffel festhalten verbuhlter Knaben abscheuliche Torheit und ihr unerquickliches Geschwätz, vor dem wir sonst die Ohren zuhalten....". Aber wer die Moral darstellen wollte, musste auch die Gegenseite vorführen. Nicht nur literaturhistorisch interessant ist es, dass in eine ihrer Schriften – in der Legende des Pelagius – erstmals ein Bündnis des Teufels mit einem Menschen beschrieben wird. Fausts Mephisto deutet sich hier also an. Wie eine Vorwegnahme der Geschichte Bad Gandersheims scheint es, dass Roswitha sich in ihren Dramen willensstarken Frauenpersönlichkeiten widmet, wie sie bis ins 18. Jh. an diesem Ort zu finden sein werden. Auch sie hatte einen für eine Frau ihrer Zeit ungewöhnlichen Willen, nämlich ihre Erlebnisse, Geschichten, Legenden und Epen mitzuteilen. Roswitha verfasste alle ihre Werke in Latein, der Sprache der Bildung. Besonders ihre beiden historischen Epen sind noch heute eine wichtige Quelle der deutschen Geschichte der ottonischen Romanik. Tanja Wehr *) Terenz war ein römischer Komödiendichter (~190 -159 v.Chr.), der mit Hilfe des von ihm eingeführten Sprechdramas sowohl eine Reinheit der Sprache als auch eine Einheit von Handlung und Charakteren anstrebte. Zuvor gab es nur Singspiele. Im Mittelalter war dieser antike Autor sehr beliebt [zurück] Weitere Informationen bei WIKIPEDIA |
![]() Bildnis der Roswitha von Gandersheim. Kupferstich aus Johann Georg Leuckfelds Antiquitates Gandersheimenses aus dem Jahre 1709 ![]() Roswitha überreicht Kaiser Otto dem Großen ihre Werke. Holzschnitt-Illustration von Albrecht Dürer in der ersten gedruckten Roswitha-Werkausgabe von Conrad Celtis aus dem Jahre 1501 |
||||